Wenn wir hier schon mal in Erinnerungen schwelgen, dann häng ich doch gleich noch eine dran!
Sommer. Zwar nicht meine liebste Jahreszeit, aber eine, die schöne Bilder in mein Gedächtnis holt.
Unsere Sommerferien verbachten wir in meiner Jugendzeit immer auf der Alp. Ich war knapp 3 Monate alt, als ich das erste Mal Alpluft schnupperte. Von da an ging es jeden Sommer für 3 Wochen hoch auf etwa 1250 m.ü.M., in dieses kleine, einfache, sonnenverbrannte Holzhäuschen. Mitten auf einer riesigen Bergweide stand es, nur ein paar Meter entfernt vom dunklen, dichten Wald und der kleinen, weissen Kapelle. Es gab keinen Strom, kein Bad, einen Holzfeuerherd und ein Plumpsklo. Dafür einen Erdkeller, der als riesiger Kühlschrank diente und in dem sich Lebensmittel ewig hielten, und einen Brunnen vor dem Haus.
Man hatte einen unglaublichen Ausblick: das ganze Obwaldnerländli breitete sich vor einem aus, der See leuchtete türksblau, die Dörfer zu Füssen unserer Berge lagen, eingebettet in sattes Grün, rundum an seinen Ufern.
Alleine schon die Vorbereitungen auf diesen Aufenthalt waren aufregend. Mutti packte Lebensmittel, Küchenutensilien, Bettzeug und Klamotten ein. Wir unsere Bücher, Mal- und ein paar Spielsachen. Dann kam der Vater meiner Tante mit seinem alten Landrover, das ganze Gedöhns wurde hinten eingeladen, und diejenige von uns, die das Glück hatte, durfte vorne in der Fahrerkabine mitfahren. Der Rest folgte der fröhlichen Fuhre im Renault meines Daddys.
Nachdem wir alle viele Höhenmeter über enge Haarnadelkurven hinter uns gebracht hatten und quer über die Alp gerumpelt waren (damals gabs dort noch keine oder wenn, dann ganz zerkarrte, ausgespülte Strässchen!), war es immer ein besonderer Moment, wenn sich die knarrende zweigeteilte Tür des Häuschens das erste Mal öffnete. An den Geruch, der einem dann entgegenschlug, kann ich mich heute noch erinnern: es war eine Mischung von altem Holz, Feuerrauch und ein ganz kleines bisschen nach Güllengrube, die hinter dem Haus lag. Von der Minute an warteten viele Tage Freiheit, Natur pur und kaum gesetzte Grenzen auf uns!
Morgens erwachten wir erst durch das Geräusch, wenn Mutti unten in der Küche die kalte Asche im Holzherd in die Ascheschublade runterrüttelte. Dann hörte man die Scheite knacken, der Duft von Feuer zog durchs Häuschen, und wir schälten uns gähnend aus den Federn. Als erstes wuschen wir uns draussen am Brunnen mit eiskaltem Bergwasser, bevor wir uns in der Stube an den Tisch zum Frühstück setzten.
Die Tage verbachten wir mit allem, wozu wir grade Lust hatten. Lasen oder dösten in der Sonne, kletterten auf die riesige Tanne, die alleine mitten auf der Weide stand, ober besuchten die Kinder in den andern paar Häuschen, die verteilt auf der ganzen Alp lagen.
Sonnebrand holten wir uns damals so gut wie nie. Wir wurden zwar alle ab und zu mit "Sherpa Tensing" Sonnencreme eingerieben, auch wenn die Intensität der Strahlen damals noch nicht so gross war wie heutzutage. Trotzdem kamen wir schlussendlich immer braungebrannt nach hause.
Mittags und abends läuteten wir mit Inbrunst das Glöckchen in der Kapelle, und vor dem Abendbrot machten wir uns gemeinsam auf, um in der Sennhütte schaumige Milch frisch ab Kuh, goldgelbe Butter und wunderbar würzigen Alpkäse zu holen.
Daddy fuhr vielleicht ein Mal die Woche "z'Bodä", um Lebensmittel einzukaufen, ab und zu gabs Besuch von Verwandten; ansonsten blieb die Zivilisation aussen vor.
Das Leben dort oben war beschaulich und sehr nah an der Natur. Das zeigte sich auch deutlich bei Wetterumschwüngen: manchmal stand der Nebel so dicht am Haus, dass man sich darin leicht verirren konnte (was mir tatsächlich mal passierte!), die Gewitter waren beispiellos. Man bekam mitunter das Gefühl, dass gleich die Welt untergeht: der Donner grollte so laut, dass das Häuschen erbebte, grelle Blitze zuckten und schlugen nicht selten in den mächtigen Giswilerstock, der sich hinter dem Haus schratig erhob. Mutti machte dann immer alle Schoten dicht, und unser Schäferhund Mido quetschte sich zitternd unter ein Bett.
Aber so unvermittelt, wie so ein Unwetter aufziehen konnte, so schnell verschwand es auch wieder und machte der Sonne Platz.
Viel zu rasch ging diese zwanglose Zeit immer vorbei! Ich weiss noch: Wieder zurück im Dorf wunderte ich mich jedes Mal über das grosse Badezimmer mit den kühlen Bodenfliesen oder über Licht per Knopfdruck (auf der Alp musste man abends Gaslampen entzünden). Wenn ich aber das Geläut der Kirchenglocken das erste Mal hörte fühlte ich mich dann doch wieder so richtig zuhause....
Leider hat meine Tante dieses Häuschen irgendwann abgegeben. Zu gerne würde ich auch heute noch regelmässig ein paar Tage dort oben verbringen- und ich erinnere mich daran, dass ich mir schon als Kind damals gewünscht habe, permanent in diesem Häuschen leben zu können. Und wie ich es im Geist schon mal entsprechend umgestaltet und eingerichtet habe.
Das Angebot, dort leben zu dürfen, müsste man mir auch heutzutage nur ein einziges Mal machen..... 😊
Fröhlichen Sonntag,
meine Lieben! ❤️