Aber etwas sehr Seltsames ist geschehen. Alle anderen Möbel sind verschwunden, das Sofa steht einsam in einem grossen, kahlen Raum, dessen Wände aus Glas zu sein scheinen.
Sie schiebt die Häkeldecke zur Seite, in die sie sich eingemummelt hatte, steht auf und tritt an eine dieser gläsernen Wände heran, schaut hinaus. Ihr Blick geht auf eine belebte Strasse. Viele Menschen eilen vorbei, alle mit zielgerichtetem Schritt. Manche halten sich ein Handy ans Ohr, sprechen mit einem unsichtbaren Gegenüber. Andere werfen in ihrer Eile einen nervösen Blick auf die Uhr am Handgelenk, beschleunigen noch ihren Schritt.
Vis à vis auf der andern Strassenseite steht ein imposantes Gebäude mit grossen Fenstern. Hinter deren Scheiben sieht man Menschen emsig an ihren Schreibtischen arbeiten, sie tippen auf Tastaturen, blättern in Papierstapeln, huschen hin und her.
Auf der Strasse selber rollt der Verkehr. Autos, Lastwagen, Motorräder. Radfahrer schlängeln sich mit waghalsigen Manövern zwischen den andern Fahrzeugen hindurch, Menschen warten am Fussgängerstreifen auf eine Gelegenheit, die Fahrbahn zu überqueren.
Plötzlich entdeckt sie eine Bekannte unter ihnen. Sie weiss, dass diese Bekannte einen Job hat, der ihr zwar jeden Monat ein dickes Gehalt auf ihr Konto beschert, der ihr aber gleichzeitig auch sehr viel Präsenz und Engagement abverlangt. Schon lange haben sie sich nicht mehr verabredet, denn der Terminkalender ihrer Bekannten ist immer so voll.
Schon hebt sie den Arm, um ihr zuzuwinken- doch die Bekannte scheint sie gar nicht wahrzunehmen. Mit gehetztem Gesichtsausdruck und wehendem Mantel taucht sie in der Menge unter.
Sie löst ihren Blick und lässt ihn in die Landschaft schweifen. Dabei fällt ihr an den Hügeln im Hintergrund ein Schriftzug auf, ähnlich dem in den Hollywood Hills.
In riesigen, leuchtenden Lettern steht da:
LEBE!
Das irritiert sie, noch mehr aber der Umstand, dass ausser ihr offensichtlich niemand dieses Wort wahrzunehmen scheint. Unübersehbar und eindrücklich prangt es dort, doch kein einziger der Vorbeieilenden hebt den Kopf und erkennt es.
Bevor sie sich weitere Gedanken dazu machen kann stutzt sie. Plötzlich fällt ihr auf: Trotz all der omnipräsenten Geschäftigkeit und Hektik ist nicht ein Geräusch zu hören. Mit einer beinahe schon gespenstischen Lautlosigkeit ziehen diese Eindrücke wie ein Stummfilm an ihr vorbei. Keine Schritte, kein Motorengeräusch, keine Gesprächsfetzen.
Nichts.
Umso heftiger zuckt sie zusammen, als plötzlich ein Donnerschlag zu hören ist. Erste dicke Regentropfen prallen an die Glaswände, ziehen ihre feuchten Spuren nach unten. Es werden immer mehr, ein heftiger Wolkenbruch prasselt inzwischen gegen die transparenten Mauern.
Und dann blinzelt sie, traut ihren Augen kaum: Nun beginnt das Bild dahinter zu verschwimmen. Wie wenn man ein Glas Wasser über ein Aquarell auskippen würde. Die Landschaft, die Menschen, die Gebäude- alles löst sich in bunte Schlieren auf. Die wiederum formieren sich zu schillernden kleinen Strudeln und verschwinden anschliessend einfach im Nichts.
Dann wird es dunkel um sie herum.
Wieder schreckt sie hoch. Erst traut sie sich kaum die Augen zu öffnen, tut es aber dann doch. Und findet sich erneut auf ihrem Sofa wieder.
Alles ist wie immer. Ihr gemütliches Wonzimmer präsentiert sich mit all seinen schönen alten Möbeln und den selbstgemachten Kissen auf dem Sofa, die Stehlampe leuchtet und die Tasse Tee dampft auf dem kleinen Tischchen.
Sie scheint geträumt zu haben. Sie schaudert und streicht sich mit der Hand über die Stirn, wie wenn sie das beklemmende Szenario in diesem Traum wegwischen wollte.
LEBE!
Sie ist erleichtert. Wie gut, dass sie ihrem eigenen Leben schon vor geraumer Zeit eine Wende gegeben hat! Dass sie die wahren Werte auszumachen vermag, die hin zu einem glücklichen und zufriedenen Dasein führen. Dass sie im Einfachen und Unaufdringlichen ihre Erfüllung findet.
Sie betrachtet ihre Tage als eine Gabe, die es mit allen Sinnen zu geniessen gilt. Sie hat gelernt, jeden einzelnen bewusst zu LEBEN und nicht zu zer-leben. Und sie gönnt sich Zeit zum Beobachten, um Gedanken anzustellen über Gott und die Welt, um sich ihren Tagträumen hinzugeben.
Sie rückt ein Kissen auf dem Sofa zurecht, nimmt das Buch vom Boden hoch und setzt sich hin. Während sie die Tasse Tee zum Mund führt blättert sie nach der zuletzt gelesenen Seite.
Inzwischen ist die Dunkelheit hereingebrochen. Und von draussen klopfen Regentropfen leise ans Fensterglas......
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